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Für mich ist Schluß mit tonnenweise Perlon & Nylon

Leuna Werke Zeichnung
Achtung, dies ist ein alter Blogbeitrag aus dem Jahr 2015, der nach dem Webseitenupdate im Januar 2021 das Aussortieren ueberlebte.

Wie der Zufall so spielt, ergab es sich für mich eines schönen Tages, daß ich plötzlich auch beruflich mit Perlon und Nylon beschäftigt war. Dies auch noch an historischem Ort und am Anfang auch noch mit einem Reaktor, der qualitativ allerbestes Perlon ausspuckte.

Heute endet für mich eine elfjährige berufliche Geschichte, die am Schluß sogar an zwei historischen Orten spielte, die mit der deutschen Perlongeschichte unmittelbar verbunden sind.

Meine persönliche Verflechtung mit dem industriellen Perlon startete in Leuna, im Gebäude der ersten deutschen Caprolactamfabrik, in dem auch heute noch Nylon und Perlon verarbeitet wird. Dieses Gebäude wurde im Herbst des Jahres 1942 fertiggestellt und hat den Krieg nahezu unbeschadet überstanden. Die Bausubstanz ist heute immer noch in bestem Zustand und ein Beispiel von Industriearchitektur, die darauf ausgelegt ist, im Produktionsalltag dauerhaft zu bestehen. Im Verborgenen sind dort Lösungen gefunden worden, die verblüffend sind. Einige Originalausrüstungen sind tatsächlich auch noch heute vorhanden: ein Brückenkran unterm Hallendach, eine Luftschutzsirene und diverse Kleinteile hier und dort.

Dort, wo ich also tätig war, spielte sich viel Perlongeschichte ab. Diese Fabrik war nach dem Krieg die einzige, die in Deutschland Caprolactam herstellen konnte und so bildete sie auch den Ausgangspunkt für viele, viele im damaligen Westdeutschland gewirkte Damenstrümpfe. Es gab nach dem Krieg dennoch eine kurze Unterbrechung der Produktion, der Grund war die Demontage von Anlagenteilen aus Reparationsforderungen der Sowjetunion heraus.

Im Gebäude 979 wurde dann auch seit Ende der 1970er Jahre Polyamid hergestellt und modifiziert. In ganz kleine Anteil zum Beispiel fand das modifizierte Polyamid in Lizenzbauten der guten alten Kalaschnikow Verwendung. Falls man mal wieder Probleme mit einem Maschinengewehr der Bundeswehr haben sollte, einfach mal in Ostdeutschland nach guter Qualität fragen.

Seit einiger Zeit brachte es der Beruf mit sich, parallel an zwei Orten deutscher Perlongeschichte arbeiten zu dürfen. Neben den Leuna-Werken ebenso auf dem Gelände der Kunstfaserwerke Schwarza. Dem Ort, an dem der erste Strumpf aus Perlon in der Versuchswirkerei hergestellt wurde und der Ort, an dem das Dederon und das Garn für die ESDA-Strümpfe hergestellt wurde.

Die parallele Tätigkeit an diesen zwei Orten war einer dieser „Optimierungsmaßnahmen“ geschuldet, die zu Arbeitswegen führte, die in keiner Weise akzeptabel und mit der Zeit zur erheblichen Belastung wurden. Als unvermeidliche Restrukturierung verkauft – oder um es im modernen deutschen Neusprech zu formulieren, als alternativlos festgelegt. Man selbst hat sich so etwas ja nicht ausgedacht, nein, es war die teuren und daher kompetenten Consultant(Bubis). Aus der Konzeptpräsentation kopiert und ohne nachzudenken umgesetzt, die eigenen Boni fest im Blick. Hinter vorgehaltener Hand munkelt man, bei diesen Konzeptionspräsentationen wird stets die letzte Folie ausgeblendet – diese wird erst nach einem halben Jahr gezeigt: um den vollen Erfolg dieses Projektes kund zu tun. Der Erfolg wird schon vor dem Start festgelegt – alles Andere ist nicht vorgesehen. Diese Vorgehensweise hat etwas von Politbüro, was die Be-Präsentierten und ihre Vorturner natürlich bedingt durch ihre geografische Herkunft nicht wissen können.

Wobei ich fairerweise ausdrücklich betonen möchte, dass ich mich bei diesem Arbeitgeber bis zu dieser Entscheidung immer wohl gefühlt habe. Es ist ein Konzern, der super organisiert ist und in dem das Arbeitsklima stimmt. So habe ich dort zum Beispiel dieses komische Ost-West-Ding niemals erlebt.

Ich hatte einige tolle Gespräche, oder Gläser Wein mit altgedienten Kollegen aus dem Stammwerk, die offen, humorvoll und ehrlich waren und stets das Gefühl vermittelten, dazu zu gehören. Doch leider ist auch hier der Generationswechsel zu merken und eine Veränderung im Gang. Um einen altgedienten Kollegen aus dem Stammwerk zu zitieren: „Was wir in 40 Jahren aufgebaut haben, das reißen diese modernen Söldner in vier Jahren ein!“.

Also Notbremse und Abschied von der zerstörerischen Selbstausbeutung bei einer Osttarif – Vergütung, die in keinem Verhältnis zum Aufwand stand. Der Aufwand, das waren 2 x wöchentlich jeweils genau sechs Stunden Reisezeit.

Tschüß und Hallo Unbekanntes, ich freue mich drauf. Schließlich liegt uns Wendekindern die extremen Richtungsänderungen und das Neue auch im Blut ;).

Eine sehr angenehme Erfahrung brachte meine Kündigung schon mit sich: die Erfahrung eines Vorstellungsgesprächs in einem skandinvischem Land. Ich war baff, wie Bewerbungsgespräche also auch ablaufen können.

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