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Strumpfgeschichte

Die Geschichte der modernen Damenstrümpfe

Wir geben zuerst einen kurzen Überblick über die Geschichte der Damenstrümpfe, um dann etwas mehr in Details zu gehen.


Übersichtlicher Zeitstrahl Damenstrümpfe

20er - Jahre bis 1945/46:

Kunstseidestrümpfe sind Alltagsstrümpfe. Perlonstrümpfe sind zunächst keine Handelsware. Dünne Seidenstrümpfe mit Naht gelten hochpreisige Luxusware.

1945 - 1950:

Westdeutschland: nach Kriegsende zunächst Kunstseidestrümpfe als Restbestände oder Schmuggelware aus Ostzone. Nylons kommen mit den allierten Truppen nach Westdeutschland. Strumpfstärken zuerst 40 den/ 30den. Dann geht der Trend zu 20 den - Strümpfen.

Ostdeutschland: nach Kriegsende Kunstseidestrümpfe aus Restbeständen oder der neu anlaufenden Produktion im Erzgebirge. Langsam kommen Nahtstrümpfe aus Perlon in den Handel. Strumpfstärken 40 den, 30 den.

1950 - Ende der 50er Jahre

Westdeutschland: der Perlonstrumpf beherrscht den Markt, ebenfalls importierte Nylons erhältlich. Der Trend geht zum 15 den Strumpf.

Ostdeutschland: Anfang der 50er - Jahre Nebeneinander von Kunstseide - und Perlonstrümpfen. Garnstärken 20den/ 30 den. Der 15 den Strumpf setzt sich langsamer durch, als in Westdeutschland.


Geschichte in Langform

Die Nahtstrümpfe waren bis zum technischen Durchbruch der Rundstrickmaschinen in den 1950er Jahren auf dem Markt der Damenstrümpfe tonangebend. Technisch ging es nicht anders, als die Strümpfe zunächst als flaches Warenstück herzustellen und anschließend zusammenzunähen. Zwar war das Rundstrickverfahren bereits vor dem Marktdurchbruch der nahtlosen Strümpfe in den 1950er Jahren bekannt, doch konnten sie sich bis zu dieser Zeit nicht so recht durchsetzen.
Ein Nischenprodukt blieben auch die Schnittstrümpfe die aus einem Stoff zugeschnitten - ebenso Nahtstrümpfe waren. Ihnen haftete damals das Makel der minderwertigen Strümpfe an, da die Technologie der Stoffherstellung ganz einfach keine elastischen Stoffe nach heutigen Maßstäben erlaubte.

Der Strumpf rückt ins Blickfeld:

Der Trend zum transparenten und glatten Damenstrumpf begann nach dem ersten Weltkrieg. Waren die Strümpfe bis dahin in allerlei Formen gemustert und verziert, hatten die Strümpfe nun transparent und schlicht zu sein.

Die radikalen Veränderungen der Damenmode der 20er- Jahre des vergangenen Jahrhunderts förderten die Erhebung des Damenstrumpfes zum Modeartikel. Ein neues Selbstbewußtsein der Frauen, im ersten Weltkrieg durch zahlreiche Variationen von Arbeitsdiensten und andere Kriegsbelastungen geformt, ließ die Rocklängen immer weiter schwinden. Der Wettlauf um immer feinere Fasern brachte zuerst die Kunstseidenstrümpfe, dann schließlich den Nylon-/ Perlonstrumpf an die Beine der Frauen.

Sachsen profitierte überproportional vom Strumpfboom in den 20er- Jahren des vergangenen Jahrhunderts. 75% der Weltstrumpfproduktion kamen in dieser Zeit aus dem Erzgebirge. Die Statistik des Deutschen Reiches dokumentiert im Jahre 1928 für Sachsen 870 Strumpfwirkereien mit 57.000 Angestellten, die 35 Millionen Dutzend Paar Strümpfe wirkten (420 Millionen Paar Strümpfe!).

Kunstseide:

Damenstrümpfe aus echter Seide waren für die meisten Frauen zu Anfang des 20. Jh. einfach unerschwinglich. Ein Massenprodukt für transparente Strümpfe verlangte nach neuen Materialien. Die Kunstseide war das erste Material, was sich dazu eignete.

Strümpfe aus Kunstseide, wie sie seit 1912 (zuerst in England) bekannt waren, konnten die Frauenwelt in ihren Eigenschaften nicht vollkommen zufrieden stellen. Vor allem betraf das anfänglich die Feinheit der Garne, die Paßform, die Transparenz, den starken Glanz und das Problem der Wasserflecken. Die in dieser Zeit als Material Verwendung findende Kunstseide war kein vollsynthetisches Produkt, sondern ein abgewandeltes Naturprodukt. Natürliche Zellulose wurde durch Auflösung der Wasserstoffbrücken der Makromoleküle zum Ausgangsstoff für die Kunstseide.
Bis in die 40er-Jahre des 20. Jahrhunderts änderte sich nicht viel. Kunstseide war das Strumpfmaterial der Zeit. Feinere Garne und auch halbmatte Kunstseiden kamen auf den Markt. Man kombinierte Kunstseide mit unterschiedlichen Materialien und stellte so zum Beispiel damals bereits einen "Wohlfühlstrumpf" mit baumwollverstärkter Sohle her. Um Wasserflecken vorzubeugen, imprägnierten die Strumpfhersteller ihre Damenstrümpfe.

Abbildung: Transparenz eines feinen Kunstseidestrumpfs aus den 30er Jahren
Abbildung: Transparenz eines heutigen GIO 15den Nahtstrumpfs
Abbildung: Etikett eines ROGO Kunstseidestrumpfs aus den 20er Jahren des vergangenen Jahrhunderts

Nylon:

In den Laboratorien wurde also emsig weitergeforscht, um andere, synthetische Fasermaterialien zu entwickeln.
Dem amerikanischen Chemiker W.H.Carothers, der für DuPont tätig war, konnte 1937 seiner Firma nach 10- jähriger Forschungsarbeit einen neuen Chemiefaserstoff präsentieren. Sein Name Nylon. Es war der erste vollsynthetische Faserstoff der Welt. In einer Synthese aus Hexamethylendiamin und Adipinsäure gewonnen.

DuPont stellte im Jahr 1938 ihre neue synthetische Faser Nylon unter dem Werbespruch "Ein besserer Faden für ein besseres Leben" vor. Die Welt war begeistert, Nylon wurde als Aufbruch in ein neues Zeitalter gefeiert. Nylon machte ihn nun möglich, den äußerst transparenten Damenstrumpf, profitabel herstellbar in industrieller Massenprduktion.
In den USA konnte im Jahr 1939 die erste Fabrik zur Produktion von Nylon ihren Betrieb aufnehmen. Bald darauf begann die Produktion von Feinstrümpfen aus Nylongarn. Im Oktober des Jahres 1939 führte DuPont einen Testverkauf von Strümpfen aus Nylon durch. Eigens dafür lies die Firma 4.000 Paar Strümpfe wirken. Der Testverkauf hatte durchschlagenden Erfolg. Man begann, die Markteinführung der Nylons zu inszenieren. Durch eine groß angelegte Werbekampange wurde die Markteinführung des Strumpfes aus Nylongarn vorbereitet.
Am 15. Mai 1940 erlebte Amerika den offiziellen Verkaufsstart für Strümpfe aus Nylon. Der erste Verkaufstag war ein voller Erfolg. Von diesem Tag an erlebte der Nylonstrumpf einen Siegeszug. Zwei Millionen Paar Nylonstrümpfe wurden für den Verkaufsstart produziert. Innerhalb von vier Tagen waren diese vier Millionen Strümpfe restlos ausverkauft. Dies, obwohl ein Paar aus dieser Produktion für damalige Verhältnisse unglaubliche 250 Dollar kostete. Nur der II. Weltkrieg unterbrach den Triumphzug des Nylonstrumpfes, da die gesamte Produktion von Nylongarn für militärische Zwecke verwendet wurde. Statt Nylons wurden aus der Chemiefaser Fallschirme, Seile oder Zelte.

Perlon:

Auch in Deutschland bei I.G. Farben suchten Forscher nach einem neuen Chemiefaserstoff. Am 29. Januar 1938 war Professor Paul Schlack in einem Labor der I.G. Farben in Berlin-Lichtenberg am Ziel. Angeblich gelang das (die) Herstellung bereits im ersten Versuch. Aus Caprolactam und Aminocapronsäure entstand das Polyamid Perlon, welches nun als Reichspatent 748253 angemeldet wurde.
Von da an ging es schnell- 1939 entstanden in Ludwigshafen eine Versuchsanlage zur Erzeugung von Caprolactam sowie eine Anlage zur Herstellung von Perlon. Ab 1940 wurde u.a. auf dem Gelände der I.G. Farben-Werke Leuna eine Caprolactamfabrik (Gebäudenummer 979) errichtet, die den Grundstoff mit dem damaligen Handelsnamen "LURAN" produzierte. Die Anlage in Leuna ging 1942 in Betrieb und überstand den Krieg nahezu unbeschadet.

Nebenbei bemerkt habe ich, bis 2015 für 11 Jahre in diesem Gebäude gearbeitet und war unter anderem für dessen Erhaltung zuständig. Die Perlon-Syntheseanlage wurde schon im Jahr 2007 ausser Betrieb genommen und leider die noch darin befindliche Polyamid-Compoundierung im Jahr 2022 geschlossen und das Produktionsgebäude 7213 bis zum Frühjahr 2023 vollständig abgerissen.

Weitere Perlon-Anlagen enstanden in Landsberg an der Warthe (4 Tagestonnen) sowie eine Anlage in Premnitz (15 Tagestonnen). Letztere wurde nicht mehr fertig gestellt und teilte das Schicksal aller drei Perlon-Anlagen- der Zersörung bis Kriegsende 1945.

Die ersten Erzeugnisse aus Perlon

Das erste Erzeugnis, das aus Perlon gefertigt über die Ladentheken gereicht wurde, waren jedoch keine Damenstrümpfe, sondern Perluran-Borsten. Ein erstes Perlongarn gewann man im Jahr 1938 durch das Stabschmelzverfahren.
Ein gegossener Perlonstab (d=15-30mm, l= 300-500mm) wurde mit konstanter Geschwindigkeit senkrecht durch einen beheizten Zylinder gepreßt, an dessen Ende sich eine Spinndüse befand. Innerhalb des Zylinders erfolgte das Aufschmelzen des Perlons.
Das noch nicht aufgeschmolzenen Stabstück diente als Stempel für den Druckaufbau innerhalb der Schmelze, welche dann durch die Spinndüse gepreßt wurde.
Der erste Damenstrumpf aus Perlon wurde bereits 1938 bei Bahner im Erzgebirge hergestellt. In die Geschäfte kam der Perlonstrumpf jedoch vorerst nicht.

Perlon und die Rüstung

Der Anfang des 2. Weltkrieges ließ auch die Verantwortlichen der Wehrmacht ins Schwärmen für die neue Faser kommen. Statt feiner Beinbekleidung für Frauen wurde aus Perlon nun Falschirmkappen, Zelte, Seile usw. gefertigt. Eine weitere Rüstungsspezialität wurden statt der Damenstrümpfe auf den Cottonmaschinen gefertigt: Säckchen für Schwarzpulver. Das feine Gewebe war perfekt dafür geeignet, abgewogenes Schwarzpulver einzufüllen und als Treibladungen in Granaten zu verwenden. Zwangsarbeiter füllten im Erzgebirge diese Treibladungen ab.

Nach dem Krieg

Der richtige Erfolg des Perlons begann erst nach Kriegsende. Das, was sich an Damenbeinen als dünnes Gespinst zeigte, wurde damit beworben, kratzfrei, reißfest und knitterfrei zu sein. Dünn & glänzend, wie Seide sollte Perlon ein Stoff werden, der die Welt erobert.

Dabei gingen die Strumpfhersteller den Weg zu immer feineren Garnen. Während in den ersten Jahren der Nachkriegszeit Perlons und Nylons in 40 oder 30den die Regel waren, folgten bald Strümpfe in 20den, bis schließlich zu Anfang der 50er - Jahre der 15den - Nahtstrumpf zur Standardfeinheit wurde. Die schon damals geäußerten Klagen, Strümpfe hielten immer weniger aus, war der Reduzierung der Garnstärke geschuldet. Als Verheißung der neuen Zeit und der neuen Polyamidfaser propagierte die Werbung immer feinere Strümpfe.

Nylon & Perlon lieferten sich ein Wettrennen um die Gunst am Damenbein. Mit allen Mitteln wurden die Vorzüge gegenüber dem jeweilig anderen Polyamid herausgestellt. Der Osten, von der Versorgung mit Nylon abgeschnitten, behauptete im Jahr 1948 auf der Leipziger Messe: "Strümpfe aus Perlon werden die Nylons schon recht bald verdrängen". Als Beweis wurde der Versuch unternommen, das Strumpfgewebe aus Perlon mit den Fingern zu durchdringen. Bei diesem Experiment blieben die Strümpfe aus Perlon resistent, nur die Fingerspitzen wurden weiß.
Die unvorstellbar große internationale Nachfrage nach Perlonstrümpfen schien dieser Verdrängungsbehauptung Recht zu geben. Der Abnahmepreis für das Dutzend Paar Perlonstrümpfe betrug damals immerhin 18 Dollar. (Quelle "Der Spiegel" Nr.36/1948; Seite 16)

In der alten Bundesrepublik ergab sich bei den Nahtstrümpfen im Jahr 1952 Marktverteilung: 60% Perlonstrümpfe; 20% Nylonstrümpfe und immer noch 20% Kunstseidestrümpfe! (Quelle: "Die Zeit", 20.11.1952 Nr. 47)

Nylon= Polyamid 6.6, Perlon= Polyamid 6

Kriegsende & Vorteil für die Sowjetische Besatzungszone:

Seit 1940 also begeistern die Nylons am Bein die Welt.
Nach dem Ende des Krieges gab es in Deutschland ein Problem. Die gesamte Feinstrumpfindustrie war hier in Sachsen konzentriert. Bis auf fünf Cottonmaschinen standen alle zur Herstellung der Damenfeinstrümpfe notwendigen Maschinen im Erzgebirge. Zwar wurden die Strumpfwirksäle meist zur Produktion von Rüstungsgütern genutzt, doch die eingelagerten Cottonmaschinen waren schnell wieder aufgestellt.
Die UdSSR verlangte Reparationsleitungen, die Genossen fanden Geschmack an feinen Damenstrümpfen und so mußten allein im erzgebirgischen Auerbach 109 Cottonmaschinen1 ihre Reise in die Sowjetunion antreten. Damit nicht genug, die Strumpfproduktion, die langsam wieder in Gang kam, mußte zum überwiegenden Teil wiederrum in die UdSSR geliefert werden.

In der Ostzone war man sich natürlich der Monopolstellung in der Strumpfherstellung bewußt. Der Wirtschaftsminsiter von Sachsen- Fritz Selbmann (auch Schriftsteller!) sagte 1947 "Die Frauen in den Westzonen werden solange barfuß gehen, bis ihre Männer uns Edelstahl und Hüttenkoks liefern."2
Wir erinnern uns, die Ostzone hatte keine Schwerindustrie und so bestand ein Mangel in der Stahlversorgung, und Stahl wurde dringend für den Wiederaufbau benötigt.
Auch die auf die den Bau von Cottonmaschinen spezialisierten Maschinenbauer befanden sich hier in Mitteldeutschland. Somit taten diese Verhältnisse ihr üriges dazu, daß der Damenstrumpf ein äußerst rares Produkt wurde. Ein reger Schmuggel von Feinstrümpfen in die Westzonen entwickelte sich in den Nachkriegsjahren. Unsere Großeltern, die ihre Wurzeln im Erzgebirge haben, erzählten oft vom Tauschgeschäft Nylons gegen Nahrungsmittel. Auf dem Schwarzmarkt handelte man Nylonstrümpfe mit 200 Reichsmark.
In den Westzonen galten Nylons als "Bettkantenwährung".

Die Strumpfindustrie in Sachsen wurde verstaatlicht und mit der Verstaatlichung zogen viele Farikanten samt Fachleuten in die Westzonen. In Ost wie West blüht zunächst die Strumpfindustrie und ab 1952 waren die neu aufgebauten Fabriken in den Westzonen in der Lage, den Bedarf in den westlichen Zonen zu decken.
Der Strumpf wird mit dem Übergang zur Rundstrickware zum Massenprodukt. Mit der Erfindung von Nylon und

Der Damenstrumpf wird Massenwar

Perlon wurde schließlich auch der nahtlose Strumpf erst beintauglich. Nahtlose Strümpfe waren keine Nachkriegserfindung - man kannte sie schon lange. Nylon und Perlon ermöglichten einen formbeständigen Nahtlosen, wie er zum Beispiel mit Kunstseide undenkbar schien. Der nahtlose Strumpf verdrängt den Nahtstrumpf. Bei ESDA in der DDR erfolgte diese Umstellung in den Jahren 1957/ 1958.
Die Strumpfhose tritt Ende der 1960'er Jahre schließlich in den Markt und verdrängt den Strumpf fast vollständig. Die Strumpfhose wird zum Massenprodukt.
Quellen:
1Heimatgeschichte - 550 Jahre Auerbach im Erzgebirge
"Wie ein Strumpf entsteht"
2Publikation der Landeszentrale für politische Bildung Thüringen

Die Entwicklung der mechanischen Strumpfherstellung begann jedoch nicht erst mit der Erfindung der Cottonmaschine durch William Cotton (britische Patentschrift 3123 aus dem Jahre 1864). Der Engländer William Lee baute Ende des 16. Jahrhunderts die erste Wirkmaschine, den Handkullierstuhl aus Holz und Metall. Auf diesem konnte jeweils ein Strumpf maschinell gefertigt werden. Der "Pagetstuhl" erlaubt im 19. Jahrhundert die Herstellung von gleichzeitig drei Strümpfen.
Die Erfindung der Cottonmaschine stellte also nicht den Beginn der mechanischen Strumpffertigung dar. Jedoch aber der großindustriellen Manufaktur, der Sprung von der Fertigung im Wohnzimmer zur Fertigung im Maschinensaal.

[caption id="attachment_11843" align="alignnone" width="591"]Strumpfkauf DDR Kaufhaus der Handelsorganisation in Schwerin.
Mit kritischen Augen werden die begehrten Strümpfe betrachtet.
Foto: SNB, den 8.2.1949[/caption]