Mit Strumpf und Stil

Grafik Strumpflobby

Mit Strumpf und Stil

Weniger ist mehr – oder wie es der Leipziger Kabarettist Bernd-Lutz Lange vor vielen Jahren so treffend formulierte: „Strumpfhose, das klingt nach falsch verstandener Emanzipation – vom Weib den Strumpf und vom Manne die Hose.“

Recht so. Denn diese Art von Symbiose konnte nichts werden: DER Strumpf und DIE Hose. Er verkörpert ein gewisses Maß an Erotik, sie das Praktische. Bunt zusammengewürfelt soll daraus ein ganz spezielles Etwas entstehen. Uncool, sagt die Generation unter 25 – und verweigert sich dieser Strumpf-Press-Wurst. Uncool – genau.

An der Unerotik dieses Kleidungsstücks muss etwas dran sein. Denn wann wird in der Literatur davon geschwärmt? Etwa so wie Kurt Tucholsky, der formuliert haben soll: „Die Strumpfnaht ist die Strickleiter der männlichen Phantasie.“


Mit Strumpf und Stil

Ob mit oder ohne Naht, Coolness hin oder her – was unserem Befinden gut täte, ist die Rückkehr einer Prise Eleganz und Stil. Nicht als großer neuer Gegentrend, sondern vielmehr als individuelle Freude am Kleiden und Gekleidetsein.


Faszination Nylonstrumpf – oder: „Erklär mir die Welt!“

Was die Faszination des Nylonstrumpfs ausmacht und worauf sie sich zurückführen lässt, dazu gibt es einige Denkansätze. Das Augenmerk liegt dabei auf der Faszination – wohlgemerkt nicht auf dem Fetisch.

Demarkation – eine vorläufige Grenzziehung – lässt sich als erster Deutungsansatz heranziehen. Der Anblick eines bestrumpften Beins wirkt sicher auch deshalb erotisch stimulierend, weil die Grenzlinie zwischen „noch verhüllt“ und „entblößt“ nicht starr zu sein scheint. Die Transparenz der Strümpfe – oder auch ihr enges Anliegen am Bein, das Konturen teils verwischt und teils betont – wird als Aufforderung verstanden, diese Grenze zu verschieben. Ein in Strümpfe gehülltes Bein suggeriert dem Betrachter spätere Nacktheit. Denkt man diese Theorie konsequent zu Ende, so müssten Strumpfhosen besonders erotisch sein. Nun ja.

Der Rahmen – der am Oberschenkel endende Strumpf in Verbindung mit den senkrechten Linien der Strumpfhalter „rahmt“ sozusagen das Ziel der Begierde ein. Es ist visuell markiert. Eine nahezu ähnliche Wirkung wird der Strumpfnaht der Nahtstrümpfe zugeschrieben: Sie folgt in direkter Linie dem Ziel der Begierde und grenzt es in zwei parallelen Linien eng ein.

Umschlossensein – der Strumpf umgibt das Bein als zarte Hülle und nimmt dabei das Gefühl vollständiger Nacktheit. Die Bewegungen der Beine erzeugen einen Berührungsreiz, der aus der Wechselwirkung von Haut, Strumpfgewebe und Strumpfhalter entsteht. Beim Strumpfhalter wirkt temporär ein leichter Druck auf der Haut – ein Reiz, der die Trägerin daran erinnert, nicht ganz nackt zu sein.

Sigmund Freud prägte übrigens die Metapher, dass die unzähligen winzigen Löcher der Maschen eines Damenstrumpfs auf die Vagina verweisen. Anzumerken bleibt dabei: Die Strümpfe zu Freuds Zeiten lassen sich mit der Feinheit heutiger Strümpfe kaum vergleichen. Datiert man diese Aussage an den Beginn der 1920er Jahre, so waren die damaligen Damenstrümpfe noch recht grobmaschig – die Maschenschlaufen ließen sich deutlich erkennen.


Sich kleiden versus angezogen sein – eine kurze philosophische Betrachtung

Sich kleiden und angezogen sein – das sind zwei grundverschiedene Zustände. Eine Bluse für 15 Euro, eine Hose für 25 Euro – wer nähen kann und Stoffläden kennt, dem überkommt das Grauen beim Anblick dieser Teile.

Die zelebrierte Wegwerfkultur bringt nämlich eine Einstellung zur Kleidung hervor, die ebenso nur zum Wegwerfen taugt. Aus mangelnder Wertschätzung resultiert eine entsprechende Ausstrahlung.

Wo ist der Zusammenhang? Die Entwicklung vom Nahtstrumpf zum nahtlosen Strumpf und schließlich zur Strumpfhose bewirkte gleichzeitig eine Entwicklung vom Luxusartikel zum Massenprodukt. Die Strumpfhose brachte es mit sich, dass der zeitliche und manuelle Aufwand beim Anziehen sank. Damit reduzierte sich auch das sinnliche Erleben des eigenen Körpers: Das Ausrichten des Strumpfes entfiel, das Anclipsen der Strumpfhalter, das Achten auf die richtige Spannung – und schließlich der prüfende Blick, ob Strümpfe und Halter noch sitzen.


Achtung, Einbahnstraße

Der Mann wünscht sich von seiner Partnerin ein stilsicheres Auftreten. Er hofft und drängt, sie möge die Strumpfhose im Schrank lassen und stattdessen Strümpfe tragen. Er spricht es aus – oder denkt es zumindest – ohne dabei einen Blick in den eigenen Spiegel zu werfen.


Strümpfe – Relikte einer vergangenen Zeit?

Bei Frauen unter 40 spielt der Strumpf in der Wahrnehmung als vollwertige Beinbekleidung kaum noch eine Rolle. Die Faszination des Nylonstrumpfs ist nur für wenige ein Thema, das echte Begeisterung auslöst. Stattdessen dominieren Strumpfhose und halterlose Strümpfe das Bewusstsein – mit all ihren Eigenschaften und Nachteilen.

Strumpfhosen zwicken, das Bündchen drückt, und im Sommer sind sie stets zu warm. Halterlose Strümpfe schneiden sich ins Fleisch und rutschen munter am Bein herunter. Vermutlich würde die Stunde der mit Halter zu tragenden Strümpfe schlagen – wenn da nicht das hartnäckige Bild der angegrauten Nylons wäre.


Wissenswert

Im Zeitalter der Strumpfmassenware vielleicht interessant: Im Jahr 1954 kostete ein Paar Nahtstrümpfe zwischen 5,90 DM und 12,90 DM. Der durchschnittliche Nettostundenlohn betrug damals 1,54 DM. Für ein Paar Nahtstrümpfe musste man also zwischen 3,8 und 8,4 Stunden arbeiten.

Im Jahr 2005 lag der durchschnittliche Nettostundenlohn in Deutschland bei 13,45 Euro. Umgerechnet auf das Preisniveau von 1954 müsste man heute zwischen 51 und 112 Euro für ein Paar Strümpfe bezahlen.

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